Warum wusste ich schon im Voraus, dass es diese Woche anders werden würde? Schon als ich den Raum betrat, herrschte eine seltsame Anspannung.
Es ist 18:18. Um 18:45 darf ich nachhause gehen.
Die Tür geht auf, ich komme rein.
"Wie geht's dir heute?"
Ich erkläre, dass wir in Deutsch Geschichten über Selbstmord lesen und in Religion über die Verarbeitung von Leid sprechen. Ich komme mir hintergangen vor. Gerade diese Gedanken möchte ich doch verdrängen. Wie soll das denn nur weitergehen?
Sag es nicht. Es wird dich nur noch mehr beschäftigen.
"Da gibt's noch etwas... aber darüber möchte ich nicht sprechen. Ich brauche keine Tipps. Aber danke, trotzdem. Vielen lieben Dank für die Hilfe." Der Satz kommt mir vermutlich etwas zu barsch und zackig über die Lippen, für den ich einen verwirrten Blick ernte. Hab ich etwas Falsches gesagt?
Und plötzlich: wieder die starken Arme, die sich um meine Schultern legen und mich eng an sich ziehen. Wichtiger noch, ich spüre die Wärme. Ich will nicht weg. Mir gefällt es, das ist genau das was ich brauche. Hier bekomme ich die Geborgenheit, die ich nie zu spüren bekomme.
Niemand hat dir befohlen zu gehen.
"Du kannst mir alles erzählen", höre ich plötzlich neben mir. Ein Flüstern, kaum hörbar. Und dennoch so liebevoll gesprochen. Es scheint mir, als ob jedes Wort sorgfältig ausgewählt ist. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Es hört sich richtig an. "Mich schockiert nichts so schnell. Bitte." Ich schüttele den Kopf. Egal wie sehr ich mich dazu zwinge, ich kann nicht. Möglicherweise ändere ich dadurch noch was. Mache irgendwas kaputt. Wir haben mit Mühe so ein gutes Verhältnis zueinander aufgebaut. Diese Beziehung.
So geht's 30 Minuten lang weiter. Unter Bitten, Betteln und zärtlich die Hand streicheln, verlasse ich aufgelöst das Zimmer.
Es ist 19:27.
Samstag, 5. Oktober 2013
#2
"Ich hatte früher auch ganz oft Probleme und konnte es mit niemandem besprechen."
Vertrauen.
Zuversicht.
Ich weiß nicht, ob es das ist, was ich brauche. Ich sitze auf dem Hocker und frage mich, was ich eigentlich noch hier verloren habe. Was mache ich in dieser Welt? Was ist meine Aufgabe? Warum wurde ich geboren? Die Tränen bahnen sich an. Bloß nicht weinen. Sei nicht sensibel. Reiß dich zusammen!
Die Tränen lassen sich nun nicht länger halten und kullern unaufhörlich. Ein abwesende Bewegung über die Augen, ein lautloser Schluchzer. Starke Arme, die sich um mich legen. Dieser Moment soll nicht aufhören. Dieses Vertrauen, das brauche ich. Liebe. Ich hebe meinen Blick. Die Arme halten mich noch immer fest an den Schultern, dazu kommt ein Gesicht, was mich voller Besorgnis anschaut. Ich möchte den Moment anhalten, es fühlt sich richtig an. Ich bin so froh, dass ich hier bin. Ich sehe wieder einen Sinn im Leben.
Zweisamkeit.
Verständnis.
Wärme.
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